13. APRIL 2004

Unruhen im Irak - unsere Arbeit geht weiter

Die Nachrichten berichten täglich von den Unruhen überall im Irak. Die Hilfsorganisationen haben fast alle das Land verlassen. Ausländer sind im Irak extrem gefährdet, da durch Entführungen und Attentate mit ihnen "Politik" gemacht wird.

Die Arbeit von Wings of Hope in Bagdad geht dennoch weiter.

Unser Team vor Ort besteht ausschließlich aus irakischen Kräften, die ihren Aufgaben auch weiterhin nachkommen können. Sie richten im Moment unser Kinderhaus in Bagdad ein und besuchen Schulen, um die ambulante Gruppenarbeit zu implementieren. Der verantwortliche Leiter, ein Kinderarzt, war gerade bei einer Schulung in Bosnien-Herzegowina, wo traumatherapeutische Fachkenntnisse zusammen mit dem bosnischen Team unter fachlicher Leitung vertieft wurden.

Deutsche oder andere nicht-irakische Mitarbeitende von Wings of Hope halten sich im Moment nicht im Irak auf. Der Kontakt zu unserem Team wird per Mail gehalten.

Die Bilder aus Falludscha während der kurzen "Waffenruhe" haben eine Ahnung vom momentanen Alltagsleben gegeben: Wer kann, flieht mit seiner Familie aus der Stadt. Auch anderswo im Irak ist es bei Unruhen so. Die meisten Menschen im Irak leiden selbst unter den extremistischen Gruppierungen. Vor allem die Kinder werden erneut traumatisiert. So werden wir nicht nachlassen, Hilfe für sie zu organisieren, so gut es eben geht.

Irakreise März 2004

Wie geht es den Menschen im Irak, ein Jahr nach dem Krieg, jenseits von CNN und ntv? Anfang März 2004 reisten Thomas Prieto Peral (Vorsitzender WoH) und Peter Klentzan (Projektkoordinator WoH) eine Woche in den Irak, um die Traumahilfe von Wings of Hope weiter zu organisieren. Begleitet wurden die beiden von Emanuel Youkhana, einem in Deutschland lebenden irakischen Priester, der seit vielen Jahren unermüdlich Hilfe für die Menschen in seiner Heimat organisiert.

Ein Jahr nach dem Krieg ist eine Reise in den Irak noch immer sehr riskant. Die Nachrichten berichten ja täglich von der Gewalt im Land. So waren unsere Vorbereitungen vor allem geprägt von Sicherheitsfragen. Die Anreise führte uns über Jordanien. Von Amman aus wurden wir mit dem Auto in einer zehnstündigen Wüstenfahrt nach Bagdad gebracht. Der alte irakische Chevrolet war zwar sehr unbequem, hatte aber den Vorteil, dass wir nicht als Ausländer erkennbar waren. Das war unsere größte Sorge gewesen: dass bei den vielen Waffen im Land jemand auf der Straße uns Ausländer als einfaches Anschlagsziel nutzen könnte.

Erstaunlicherweise waren die Begegnungen auf den Straßen Bagdads so ganz anders: Immer wieder winkten mich Menschen heran und fragten überaus freundlich, woher ich sei. Als Deutscher aus "Almanya" habe ich geradezu euphorische Freundlichkeit erlebt. Ein Mann stellte mir seine Kinder vor (es waren acht), in akzentfreiem Deutsch. Woher er das könne? Nein, in Deutschland war er noch nie. Das war unter Saddam nicht möglich. Er liebe die deutsche Sprache und habe sie aus Büchern gelernt. Wir seien jetzt die ersten "richtigen" Deutschen, mit denen er sprechen könne.

Natürlich sind die Straßen Bagdads voller Militär, schwer gesicherte Polizeistationen überall, Hotels, die mir schwersten Waffen gesichert sind. In vielen Stadtteilen patrouillieren Männer mit Kalaschnikows. Die gewaltvolle Geschichte des Landes, die Diktatur, die Kriege, das Embargo haben die Menschen gezeichnet. Die Stadt erstickt im Müll, viele Stadtteile sind verkommen. Und trotzdem hat sich das Leben seit dem Krieg normalisiert: die Geschäfte haben bis spät abends offen, der Verkehr ist so chaotisch wie überall im Orient. Am dritten Tag unseres Besuches explodierten in Kerbala, eine halbe Stunde von Bagdad entfernt, sechs Bomben mitten unter feiernden Menschen. Auch in Bagdad sind Explosionen zu hören. Es ist das höchste Fest der Schiiten, das Aschura-Fest. Ein heiliger Tag, der friedlich begonnen hatte. Überall waren die Häuser geschmückt, die Kinder hatten sich herausgeputzt, wie bei uns an Weihnachten. Am Morgen noch waren die Straßen voller Familien gewesen, die zu den Moscheen gingen. Dann die Anschläge. Die Angst kroch durch die Straßen. Am Abend liefen die Bilder von blutigen schreienden Menschen durch die Fernsehstationen der Welt. Es waren die "üblichen" Bilder aus dem Irak. Der Morgen hatte so friedlich begonnen, aber das zeigt niemand. Der Irak ist ein traumatisiertes Land. Seit über dreißig Jahren gibt es dort keinen Frieden. Eine ganze Generation hat nichts anderes erlebt als Terror, Diktatur, Kriege und Armut. UNICEF schätzt, dass etwa eine halbe Million Kinder im Irak traumatisiert sind, also so schwer seelisch geschädigt sind, dass sie mit schweren psychischen und körperlichen Deformationen aufwachsen. Am Abend des Aschura-Tages treffen wir Patriarch Imanuel, das Oberhaupt der chaldäischen Kirche. Er gehört zu den angesehensten nicht-muslimischen Religionsführern im Irak, obwohl - oder gerade weil er - ein äußerst sanfter und friedliebender Mensch ist. Er beeindruckt uns mit seiner spirituellen Friedensbotschaft: Sein Gebet für den Frieden sei immer für alle Menschen im Irak, der Tod eines jeden im Irak schmerze ihn zutiefst, der Irak könne nur Frieden finden, wenn die Menschen - über alle religiösen und ethnischen Grenzen hinweg - füreinander beteten.

Die Arbeit von Wings of Hope

Dank der hervorragenden Vorbereitung der Reise durch unsere irakische Partnerorganisation CAPNI konnten wichtige organisatorische Fragen in Bagdad geklärt werden. Frauen und Männer, teils Christen, teils Sunniten und Schiiten mit guten Qualifikationen wurden gefunden. Sie bilden das hauptamtliche Team vor Ort. Mit ihnen wurde noch während der Reise ein erstes einwöchiges Traumaseminar durchgeführt. Weitere Qualifikationsmaßnahmen wurden besprochen und geplant.

Ein geeignetes Haus konnte als Kinderhaus und Traumazentrum angemietet werden. Es liegt in einem sicheren Stadtteil von Bagdad, in dem Christen und Muslime leben, in dem es auch viele geeignete Schulen für erste ambulante Gruppen gibt. Trotz der täglichen Gewalt im Irak war der Eindruck am Ende der Fahrt: Es ist uns gelungen, gute Traumaarbeit auf den Weg zu bringen. Im täglichen Chaos von Gewalt können wir einen kleinen Beitrag leisten zum inneren und äußeren Frieden!

Grenzübergang Jordanien-Irak Grenzübergang Jordanien-Irak

Iraker unterwegs Iraker unterwegs

Kinder auf den Müllhalden Bagdads Kinder auf den Müllhalden Bagdads

Wüstenautobahn Amman-Bagdad Wüstenautobahn Amman-Bagdad

Leitplanke Leitplanke

Irakische Wüste Irakische Wüste

Irak Irak

Bagdad Bagdad